Interview mit Jo Kern

Interview mit Jo Kern

Wie siehst Du die aktuelle Situation der Führungskräfte?

Überforderung. Zu vieles auf einmal. Druck, immer weiter steigender Druck. Die Konkurrenz schläft nicht, die Anforderungen auch an sich selbst werden immer größer. Der Wunsch, alles richtig, ja perfekt zu machen.Die Vielzahl der Aufgabenbereiche wächst und es entsteht immer mehr Stress.

Welche Auswirkungen hat die Überbelastung der Führungskräfte?

Im Zweifel keine und alles bleibt beim Alten, auch wenn es unlogisch klingen mag: Das ist das, was am häufigsten passiert. Doch je stärker der Schuh drückt, desto mehr verschlechtert sich die Gesamtsituation. Der Druck wird immer größer, die Fragezeichen immer auffälliger und die klaren Handlungsalternativen fehlen. Dann wird gern im Außen nach Schuldigen gesucht: Die Situation ist schuld, der Markt, das Management, die schlechten Mitarbeiter. Oder die Führungskraft selbst reibt sich immer mehr auf: schlaflose Nächte, Stress-Symptome und Krankheitsbilder. Wenn ich keine Antwort auf die Frage ,Wer bin ich als Führungskraft?‘ habe, geht sehr viel Energie und Kraft verloren, da Spontaneität und Souveränität aus dem Augenblick heraus fehlen. Ich brauche Klarheit. Daraus entsteht Mut. Mut, Ansagen zu machen, zu delegieren, Mut, mal anzuecken, Mut, Meinungen zu haben und diese auch zu vertreten. Diesen Mut und die damit verbundene Klarheit habe ich nur, wenn ich mich selbst als Führungskraft anerkenne. Bei allem, was eine Führungskraft zu tun hat, sollten Themen wie Selbstzweifel und Unsicherheit keinen großen, Platz einnehmen.

Warum fällt uns Menschen und somit auch Führungskräften nachhaltige Veränderung so schwer?

Aus vielerlei Gründen. Ein elementarer ist natürlich, dass wir Dinge gelernt haben und diese Dinge dann lange so umsetzen. Das hat viel mit Gewohnheit zu tun. Alles Neue ist befremdlich und macht Angst: Schließlich verliere ich erst einmal Sicherheit. Eine Führungskraft braucht diese aber ganz besonders: Sie will souverän wirken, angesehen sein und sie muss Sicherheit vermitteln. Das geht schlecht, wenn sie selbst unsicher ist. Für eine Führungskraft ist also der Sprung von etwas Gewohntem in etwas Neues eine noch größere Herausforderung als für einen Angestellten, weil der Aspekt dazukommt, dass sie Unsicherheit um jeden Preis vermeiden will.

Wann verführt Coaching zu einer nachhaltigen und vor allem wahrhaftigen Verführung?

Es verführt, wenn mein Coach in der Lage ist, mich in Kontakt mit meiner eigenen Kraft und individuellen Stärke zu bringen. So erlebe ich wieder Leichtigkeit und Freude und habe dadurch mehr Optionen zur Verfügung, um Dinge wirklich zu verändern, und sie aus mir heraus umzusetzen.

Was kann einer Führungskraft im Hier und Jetzt schon Mut machen?

Die Lösung nicht im Außen zu suchen, sondern zu wissen, dass sie in mir selbst liegt. Anstatt zu versuchen, mein Umfeld zu ,verbessern‘, verändere ich meine Sichtweisen, die Eigenwahrnehmung und meine Positionierung. So reagiere ich kraftvoller, souveräner und entsprechend meiner Rolle auf die Umstände. Auch im Leben einer Führungskraft sind es nicht die Umstände, sondern die Interpretationen und die Reaktionen auf die Umstände, die über Misserfolg oder Erfolg entscheiden.

Wenn Ver-Führung stattfindet, ähnlich wie bei einem beeindruckenden Rendezvous, was sollte auf jeden Fall passieren im Um-gang mit den Menschen, die ich führe?

Wenn ich mir bei einem Rendezvous zu viele Ge-danken darüber mache, wie ich sein muss und welchen Eindruck ich hinterlassen will, werde ich diesen ersten Eindruck nicht aufrecht er-halten können. Viel kraftvoller ist, wenn ich mir meiner grundlegenden Werte bewusst bin. Wenn die Beziehung auch NACH dem ersten Rendezvous lebendig und spannend bleiben soll, kann es nur darum gehen, die Fähigkeit und den Mut zu haben, mich selbst wahrhaftig zu zeigen. Das heißt auch, die Führungskraft sollte sich mit ihrer jeweiligen Persönlichkeit in ihre Position einbringen. So entsteht Authentizität, Lebendigkeit und Souveränität. Ich verhindere so, in der dauerhaften Anstrengung leben zu müssen, etwas anderes darzustellen, als ich wirklich bin. Also gilt: Ich sollte die Rolle, in der ich arbeite, zu meiner machen.